Battambang, Angkor, Ende

Fahrt von Phnom Phen nach Battambang, in die zweitgrößte Stadt Kambodschas, mit dem Bus. Fünf Stunden. Das Gefühl, das der Ort vermittelt, ist kleinstädtisch – bemerkenswert sind die Markthalle im Stil des Art Deco und einige andere schöne Kolonialbauten. Ein Fluss schiebt sich träge durch die Stadt, auf dem ich am nächsten Tag mit dem Boot nach Siam Riep fahren werde.

Gute Frühlingsrollen am Markt, Hotelzimmer ohne Fenster. Nachmittags baden in einem Swimmingpool, in dem auch eine reiche, französisch sprechende Familie planscht. Reich? Sie macht irgendwie den  Eindruck, ihre Gesichtszüge sind zuversichtlich, offen für Zukünftiges. Die Kambodschaner vor Ort blicken aus anderen Gesichtern in die Welt. Es sind wohl nach Frankreich Ausgewanderte. Außerdem zwei dicke Touristinnen am Pool.

Am Dock, wo ich das Ticket für den nächsten Tag kaufe, bietet sich mir ein Motorradfahrer als Guide an. Lehrer ist er. Eine halbe Stunde im Gespräch weiß ich von seiner kleinen Tochter, die Krebs hat. Von seinem Versuch, die Behandlungskosten zu bezahlen, die er mit Touren in die Umgebung der Stadt verdient, oder besser gesagt, verdienen will, denn viele hat er noch nicht gemacht, sagt er. Es gebe einfach zu wenige Touristen und die, die kommen, verschwänden nach einem Tag schon wieder. So wie ich. Deshalb auch kein Ausflug in den Dschungel der Kalkberge, dorthin, wo sich Pol Pot bis zu Letzt verschanzte. Er erzählt von der amerikanischen Kirche, die die Therapie seiner Tochter in Phnom Phen vorerst bezahlt. Das geliehene Geld könne er in Raten über die nächsten Jahre stunden. Den Arzt müsse er bestechen, so dass seine Tochter überhaupt behandelt werde. Er bittet mich nicht um Geld.

Mit dem Fahrrad drehe ich noch einige Runden durch die schachbretthaft angelegten Straßen, gehe in ein empfohlenes Restaurant wegen der Suppen, esse eine mittelmäßige Suppe, esse noch ein paar mehr Sachen an den Ständen am Markt und gehe dann zu Bett.

Die Fahrt auf dem Boot beginnt ärgerlich mit zwei französischen Hippies, die kiffen und aus kleinen Lautsprechern Charts von anno Dazumal hören. Um mich rund hundert Backpacker. Wundersam, wo die alle herkommen.  In der Stadt waren sie am Vortag nicht zu sehen. Es ist halb sechs am Morgen, der Wind ist kühl. Das Dach des Bootes, auf dem ich sitze, ist voll belegt, ebenso der Platz an Deck.

Eigentlich ist der Wasserstand, so las ich, im Herbst gut, um mit dem Boot nach Angkor zu fahren. In der Trockenzeit dagegen, brauche man für die Strecke über 15 Stunden. Aber schon jetzt quetscht sich das Boot durch die Mangroven, vorbei an Sumpfmenschen, die diesen Teil des Landes auf Hausbooten bevölkern, oft Stunden entfernt von jeglichem Fleckchen trockenem Land.

Hier fischen die Menschen mit riesigen Netzen und fangen spärlich, wie es aussieht. Hier waten sie durch das Wassergehölz mit welcher Intention auch immer (das Boot bootet sich zu schnell einen Weg, um genau beobachten zu können). Dort bilden sie Dörfer aus Booten, die wie letzte Refugien wirken, wie Arrangements mit einer von der Sintflut heimgesuchten Erde. Vom Dach des Bootes, knapp drei Meter über Flussniveau, wirkt die Landschaft, die Blätter und verschlungenen Äste, unendlich. Nasswelt bis zum Horizont. Die Zeit auf dem Dach des Bootes verbringt man rauchend und sich wundernd.

Dann fängt der Propeller Flusslianen, das Boot bremst. Es muss  das Wassergestrüpp langsam anfahrend zerhäckseln. Dann geht es weiter. Zwei oder drei Mal laufen wir auf Grund. Rückwärtsgang, Manöver, vor und zurück, dann geht es wieder weiter. Der minderjährige Kapitän am Steuer schwitzt. Er kurbelt, stellt sich auf die Zehenspitzen, wieder verfangen.

Es ist später Nachmittag als wir den riesigen Tonle Sap erreichen, einen der größten Seen der Welt. Was vorher Mangrovengestrüpp war, ist jetzt Wellenteppich. Neben uns lüfteln elf Kraniche, sich auf der Wasseroberfläche verdoppelnd, die mich am Abend bis in den Schlaf begleiten.

Am nächsten Tag Angkor: 1100 Jahre alte, wohl gesetzte Bauten, geziert von den wahrscheinlich präzisesten und anmutigsten Steinschnitzereien, die eine Kultur je hervorgebracht hat. Farbenspiele je nach Tageszeit: granitgrau, moosgrün, rostrot, torfschwarz. Sandstein manches, anderes fester Felsen. Viele Touristen, viele Tempel, jeder anders – die Touristen nicht so,  aber die Ziele ihrer Neugier. Affen, die amerikanische Touristinnen Löcher in die Kleider beißen. Affen die gackern,  Frauen die quieken. Jedem König seinen Tempel. Jedem Volk seine heilige Stadt. Schreine, Klöster. Bar- und vollbusige Apsaras, irre tanzend auf den Reliefs. Daneben geschmückte, monstergesichtige Fürsten. Grinsend. Menschengroße Steingesichter von Buddhas und Königen, mit sich im Reinen und den westlichen Besucher tausendjährig anlächelnd, so wie alle vor und alle nach mir kommenden. Ein Kilometer lange Szenen in Stein geschlagen vom Leben damals: Mythen und Alltag. Zwischen den Tempeln: Seen wie kleine Meere. In einem der Tempel: Bäume, deren Wurzeln wie Würgeschlangen Portiken, Türrahmen, Skulpturen und ganze Zimmer, Hallen, ja ganze Gebäude und Klöster in den Schwitzkasten nehmen. Auf keinem der Tempel mehr: Das Gold und die Diamanten, die diese Bauten zum Leuchten und Glitzern brachten wie ein antikes Las Vegas.

Einen Abend mit meinem Tuk-Tuk Fahrer, der sich Elia nennt, und seinem Freund im Amüsierviertel von Siam Reap:

Die Etablisements dort sind Biergärten. Es gibt keine leibliche, lüstige Vor-Ort-Vergnügung – die Damen, die manchmal gleichzeitig die Bedienungen sind, können nur mit nach Hause genommen werden.

Die Ausgangslage: Elia, mein Tuk-Tuker, der mich einen Nachmittag durch die Tempel gefahren hat, ist Mitte 20 und verheiratet, Christ, sehr zuverlässig und schwer sympathisch. Er spricht fast perfekt Englisch und hat noch einiges vor in seinem Leben, denkt man. Sagt er. Zu Prostituierten ging er nur während der Schwangerschaft seiner Frau. In dieser Zeit müsse man sie „ruhen lassen“, sagt er. Es klingt, so wie er das sagt, nach einer unangenehmen Notwendigkeit, der er damals nachgegangen sei mit den käuflichen Damen. Ruhen lassen also.

Jetzt ist seine Frau in Phnom Phen, geschäftlich. Er komme nicht oft in die Bars hier, sagt Elia. Was man ihm glaubt.

Es ist ein warmer tropischer Abend und wir stehen vor einem der Biergärten. Den Eingang zieren im Spalier sechs Schönheiten, niedlich lächelnd und eindeutig herausgeputzt. Knicksknicks macht’s zur Begrüßung. Elias` Kompagnon kommt in seinem Tuk Tuk angerauscht. Viel größer als einsfünfzig ist er nicht, also selbst für asiatische Verhältnisse kein Riese. Und sagen wir es so: Wenn das Wort Verschmitzt je eine Mensch gewordene Entsprechung hatte, dann ist er es. Kleiner Strietz würde auch passen. Spitzbübisch auch. Er freut sich sichtlich auf den Abend. Sein Spitzname sei Püpee, stellt er sich vor. Elias` Gesicht sieht mehr nach Unwohl aus, als nach Vorfreude.

„German women like little men?“, fragt Püpee. Kommt drauf an, sage ich. Wenn sie Geld haben, wahrscheinlich schon. Er trotzig: „I am poor.“ Er überlegt einen Moment. „But I have TukTuk“, sagt er stolz und zeigt auf sein Gefährt. „And iPhone“, noch breiter grinsend. Tatsächlich holt er das Telefon aus der Tasche: chinesische Produktion, achtzig Dollar, es läuft mit einer billigen Kopie des Windows Betriebssystems. Bizzarerweise funktionieren die Apps sogar. Dann er wieder traurig: „With white man everything is big.“

Er komme oft hierher, sagt Püpee. Und haut das Geld, das er als Fahrer  der Touristen verdient auf den Kopf. Wir sitzen also in einer Palmenzweighütte für vier und es kommt ein drei Liter Eimer Angkor-Bier auf den Tisch und mit ihm neben den Tisch eine zauberhafte kleine Fee. Alle prosten. Die Damen hier haben nicht nur die Aufgabe, gewünschterweise die Bettbegleitung zu stellen für die anwesenden Herren, sondern auch deren Alkoholkonsum anzutreiben – die Fee trinkt schnell und entschlossen. Einen Liter Bier trinke sie pro Abend, sagt sie, die so klein ist, dass man meint, es müsse ihr einen gehörigen Rausch verursachen. Vorerst spitzt sie nur die Lippen und räkelt sich wie eine coole Katze.

Mittlerweile ist die gute Laune von Püpee dem Gram gewichen. Denn die Dame, mit der er sonst die ein oder andere Nacht zu verbringen pflegt, ist in einer anderen Hütte mit einem anderen Gast zu Gange. Manchmal kommt sein Schwarm dann doch in unsere Hütte und entschuldigt sich, herzt den kleinen Tuk-Tuk-Fahrer, dem jedes Mal mehr Gram ins Gesicht steigt. Sie sei so großartig in gewissen Dingen, sagt er seufzend. Und unermüdlich, wie er übrigens auch.

Aus dem Fenster unserer Trinkhütte sehe ich Mitarbeiter einer NGO wie sie mit den Trink/Amüsierdamen knutschen, Brüste kneten, selbst zurückgeknetet werden. „Kissing cost nothing“, sagt Püpee. „Kiss is ok. Breast also.”

„Verschläfst Du nicht manchmal, wenn Du hier die Nächte durchmachst und die zwanzig Dollar vom Tag in Bier und Frauen investierst, Püpee? ” Seeeehr verschmitzter Blick. „Ye-es“, gibt er zögernd zu. „Und was passiert, wenn Du die Touristen nicht Morgens um sechs zur Tempeltour abholst?“ Pause, dann tausendfach spitzbubenverschmitztes Lächeln. „Biiieeg trouble with Tourist“, sagt er schließlich und macht eine große Bogengeste mit seinen Händen. Grinsen. Dann die zehnte Zigarette an diesem Abend.

So vertrinken wir die Nacht, mit noch mehr Bier, mit wachsender, kätzchenhafter Anschmiegsamkeit unserer Bedienung, a.k.a Trinktrainerin, an Elia. “Oooch”, quält der heraus. Er könne doch nicht … und meint, ich müsse sie nun mitschleppen. Ansonsten wäre sie sehr enttäuscht, fühle sich hässlich und überhaupt – ungenügend. Sie setzt ein Gesicht auf wie ein grauer Berliner Novembertag.

Nur dass Elia kein schlechtes Gewissen gegenüber seiner nicht schwangeren Frau haben muss, macht er mir jetzt eines. Irgendwer müsse sie doch mitnehmen, sagt Elia, schon um sie nicht zu kränken. Püpee will seine leichte Dame nun auch nicht mit einer vielleicht noch leichteren betrügen . Ich wimmele ab, bei mir warte ja auch eine Frau zu Hause,  und außerdem reicher Westler und armes Mädchen, das ginge doch nicht, von der Moral her, etc. Die Trink-Fee ist jetzt in mich verliebt und sehr enttäuscht und will ihre Pfoten um mich schlingen und Püpee ist ebenso enttäuscht, weil die Meisterin eines gewissen Etwas nun gar nicht mehr auftaucht. In das Schweigen unserer Hütte hinein singen jetzt die Grillen ihr ewig gleiches Lied.

Nach einer Schachtel Zigaretten dem Eimer Bier und noch weiteren Flaschen satteln wir betrunken die Tuk-Tuks und tuckern ab in die Nacht.

In den folgenden zwei Tagen geht es nach Bangkok zurück, ohne Ereignis. Von dort geht es nach Pucket per Flug, ohne Ereignis. Und nach einem Tag am Strand ist die Reise am 23.12.2010 aus. Was wohl aus dem Kätzchen geworden ist?




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